Kunstmarkt

entspannen inmitten des kunstmarathons. ein rückblick auf die berlin art week 2016.

Chiharu Shiota . Uncertain Journey . Installation View Blain/Southern, Berlin . Courtesy Chiharu Shiota und Blain/Southern 

Berlin, die nimmerschlafende Kunstmetropole. Überall sprießen neue Ausstellungsorte aus dem Boden, die in einer Endlosschleife eine Show nach der anderen präsentieren. Das kreative Potential der Stadt scheint unerschöpflich. Darüber hinaus gibt es 2 übergreifende Termine pro Jahr, zu denen die Kunst in Berlin einen noch größeren Raum einnimmt als sonst und die Sammler von nah und fern einströmen: das Gallery Weekend im Frühjahr und die Berlin Art Week im Herbst. Jeweils an mehreren aufeinander folgenden Tagen öffnen sämtliche Galerien ihre Pforten, über die üblichen Geschäftszeiten hinaus, ebenso wie verschiedene Sonderausstellungsbereiche. Dazu ein umfangreiches Begleitprogramm an den coolsten Locations, ob Künstlerateliers, Clubs, Industrieruinen oder ähnliche. Es wird groß aufgefahren, denn man kann mit großem Interesse rechnen. Kein Wunder, dass die angesagtesten Restaurants, Hotels und Bars bereits lange vorher ausgebucht sind.

Hört sich nach Stress an. Ist es auch. Aber wenn man einmal dabei war, will man sich dem jedes Jahr erneut hingeben. Die Frage ist nur: Wie die eigene Kapitulation verhindern und das Spektakel dennoch in vollen Zügen genießen? Mein Rat: Setzen Sie sich ein paar feste Termine und vertrauen ansonsten Ihrem Instinkt.

Jedes Jahr flattern die Eventankündigungen und -Einladungen in den Posteingang, deren Koordination selbst für "alte Kunst-Hasen" wie mich immer wieder eine Herausforderung darstellt. Man müsste sich mindestens dreiteilen können, um wirklich alles gesichtet zu haben. Nicht nur die Kunst, sondern auch die vielen Menschen, auf die man trifft und mit denen man gerne plaudern möchte: Galeristen, Künstler, Kuratoren, Museumsleute, Sammler, Freunde.

Auch bei der diesjährigen Berlin Art Week (13.-18. September) gab es wieder eine Menge spektakulärer Ausstellungen zu sehen. Beobachtet man sich selbst und andere Besucher beim Konsumverhalten, so lassen sich unter ihnen verschiedene Typen erkennen. Beispielsweise setzen sich manche unter ihnen tatsächlich das hehre Ziel, alles (wirklich alles) bis zum Sonntagabend gesehen zu haben. Sie haben einen genauestens ausgearbeiteten Plan, von dem sie im Laufe des Tages/Abends maximal 10 Minuten abweichen werden. Haben sie die Galerie betreten, sind sie eigentlich auch schon wieder weg. Es wird kurz hindurchgegangen, das ausgestellte Material gescannt, das Wesentliche abgespeichert. Im Vorbeigehen noch ein knapper Plausch mit den Galeriemitarbeitern und sonstigen Besuchern. Erweckt eines der ausgestellten Kunstwerke den Wunsch es zu besitzen, wird auch das in einer verhältnismäßigen Windeseile klar gemacht.

Daneben gibt es unter anderen die analytischen Genießer, die wesentlich weniger Punkte auf ihrer Liste stehen haben und sich gezielt Schwerpunkte setzen. Es werden nur bestimmte Galerien und Veranstaltungen angesteuert, die mit dem eigenen Interesse in Einklang stehen. Sie verweilen mindestens doppelt so lange wie Obige, und hat sie tatsächlich etwas in den Bann gezogen – ob Mensch oder Kunstwerk – scheinen sie alles andere um sich herum zu vergessen.

Welche Vorgehensweise ist empfehlenswert? Die Antwort ist simpel: Jeder nach seiner Façon!

Ob man das ganze sportlich, gemächlich oder wie auch immer angeht, es liegt im eigenen Ermessen. Wichtig ist lediglich, sich Eckpunkte zu setzen. Die weitere Planung ergibt sich dann ganz von selbst. Mit Eckpunkten meine ich in erster Linie Veranstaltungen, die nur zu einem bestimmten Termin stattfinden und die man keinesfalls missen möchte. Dies könnte ein Künstlertalk sein, eine Performance in einer Galerie, ein Dinner o.ä. Dazwischen setzt sich der Sportliche eine möglichst große Anzahl an diversen Eröffnungen, möglichst im Einklang mit den geographischen Gegebenheiten der jeweiligen Fixpunkte. Die Galerienwelt ist zwar mittlerweile weit über die Stadt verstreut, dennoch kommt eine Galerie selten alleine daher. Meistens sind sie in diversen Vierteln zu mehreren angesiedelt. Geht man aus einer heraus, stolpert man fast schon wieder in die nächste hinein. Das erleichtert das „Abarbeiten“ des umfangreichen Programms erheblich.

Dennoch muss man es mögen, pausenlos zwischen den Galerien hin- und her zu hoppen. Sofern Sie sich eher zur zweiten Spezies zählen und sich den Orten und Exponaten intensiver widmen möchten, profitieren auch Sie von dieser geographischen Disposition dieser Galerienviertel. Suchen Sie sich eines aus und lassen sich einfach treiben. Ohne Hektik von einer zur anderen Galerie und jeweils so lange dort verweilen, wie es einem beliebt.

Die Kunst hält viele Überraschungen bereit und macht es für uns oft unvorhersehbar, wie stark sie uns in ihren Bann zieht. Tut sie es in hohem Maße, wäre es nicht schade, sich ihr allzu schnell wieder zu entziehen?

Und auch wenn Sie es somit nicht schaffen werden, alles an einem Wochenende zu sehen, verschieben Sie die weiteren Galeriebesuche einfach auf die darauffolgende Woche. Sie werden exakt dieselben Ausstellungen vorfinden und dabei aber manch einen Blickwinkel auf die Kunst erhaschen können, der den anderen ein paar Tage zuvor buchstäblich verstellt worden war.

die kunstbiennale in venedig. der ultimative allrounder für experten und (!) einsteiger.

Der (Kunst)Herbst ist da! Künstler, Galerien und Sammler rüsten sich für die bevorstehenden Messen, ob die Viennartfair in Wien, die Frieze in London oder die FIAC in Paris.

Kunstmessen machen Spaß. Sie sind lebhaft, bunt und es gibt vieles zu entdecken. Denn im Vergleich zu Einzelausstellungen haben Messen einen entscheidenden Vorteil: Viele Künstler und Galerien, komprimiert auf einen Fleck. Die ganze internationale Kunstwelt an einem einzigen Ort versammelt.

Dennoch: So spannend und umfangreich Messen auch sind, so verwirrend können sie wiederum für diejenigen sein, die sich noch nicht so "materialsicher" in der Kunstwelt bewegen. Zu eng, zu dicht gedrängt die Messestände, in denen eine Vielzahl an Arbeiten sich gegenseitg und notgedrungenermaßen auf der Pelle hängen. Auch für mich – trotz mehrerer Jahre „Marktangehörigkeit“ - stellt es immer wieder eine Herausforderung dar, das einzelne Werk auf mich wirken zu lassen, das ganze Drumherum auszublenden und sich nur auf das eine zu konzentrieren.

Schwierig also, sich einen Überblick zu verschaffen und gleichzeitig in Einzelpositionen abzutauchen.

Denn das ist ja das erklärte Ziel des Kunstinteressierten: sich umfassend zu informieren, sich dann aber wiederum von seinen ganz persönlichen Favoriten faszinieren und inspirieren zu lassen.

Erfreulicherweise gibt es ein Kunstspektakel, welches beides ermöglicht, und das für ein vielfältiges Publikum vom Einsteiger bis hin zum Experten: die Kunstbiennale in Venedig, die Künstlern und Besuchern aus aller Welt alle zwei Jahre ihre Tore öffnet und in ihrer Vielfalt nahezu einzigartig ist.

Auch diesmal habe ich mich wieder auf den Weg dorthin gemacht. Nicht zur Eröffnung Anfang Juni, sondern zum Herbstbeginn… bewusst dann, wenn die warmen Sonnenstrahlen über der norditalienischen Märchenstadt die rapide sinkenden Temperaturen zu Hause vergessen machen und die Biennale-Besucher sich nicht mehr gegenseitig die Sicht auf die Exponate verstellen.

Reisen zu solchen Kunst-Happenings mache ich am liebsten in Begleitung meiner persönlichen „Kunstreisegruppe“, bestehend aus einem Künstler, einem weiteren Kunsthistoriker sowie einem jungen Sammler. Diese Kombination aus – sagen wir - Kunstschaffendem, Kunsttheoretiker und „fachfremdem“ Kunstfreund hat sich bislang überaus bewährt. Jeder betrachtet mit seinen eigenen Augen, im eigenen Rhythmus, mit eigenen Schwerpunkten. Das, was dann im gemeinsamen Austausch geschieht, erweist sich als äußerst fruchtbar: Jeder von uns profitiert von der Sichtweise des anderen. In all den Jahren kann ich mich nicht an ein einziges Gespräch mit einem Künstler erinnern, welches mich nicht inspiriert bzw. meine Denk- und Sichtweise erweitert hat, und sei es nur um kleine Details. Ebenso profitiere ich vom Austausch mit jeglicher Art von Kunstinteressierten, vom passionierten Kunstsammler bis hin zum interessierten „Newcomer“, dessen freie und unvoreingenommene Sichtweise oftmals eine spannende neue Perspektive ins Spiel bringt. Kurz gesagt: Ich liebe diesen bunten Austausch.

Die Zahl der künstlerischen Positionen wird erweitert durch die separaten Pavillons, den ein (oder zuweilen mehrere) Künstler auf Einladung des jeweiligen Landes bespielen dürfen. Die Präsentationen könnten unterschiedlicher nicht sein. Sie sind zuweilen subtil, gewaltig, sphärisch-filigran, robust und nicht nur sichtbar, sondern manchmal auch hörbar. Zweifellos ist Venedig ein Ort, an dem sich die Globalität von Kunst höchst eindrücklich mitteilt. Dazu passend, wie könnte es anders sein, die Mannigfaltigkeit der Besucher aus aller Welt, die sich von Ort zu Ort bewegen, von Raum zu Raum, von Künstler zu Künstler und wieder zurück… Hier wird deutlich: Welten prallen aufeinander und inspirieren sich gegenseitig, und genau das macht die Biennale zu einem Erlebnis der besonderen Art.

Sie fragen sich, wie ein solch umfassendes Programm auch für weniger Kunsterfahrene geeignet sein kann? Das kann es, in der Tat!

Fast nirgendwo sonst kann man sich so wunderbar treiben lassen wie in Venedig. Zwar ist das Material sehr umfangreich, aber dafür sehr einprägsam, da den Werken jede Menge Raum gegeben wird. Es gibt nichts Gedrängtes, die Kunst kann atmen und sich entfalten, v.a. wenn einzelne Künstler einen ganzen Pavillon erobern dürfen. Oder wenn der polnische Künstler Paweł Althamer dem Besucher des Arsenale nicht nur 2 oder 3 lebensgroße Venezianer entgegensetzt, sondern ihn gleich durch ein ganzes Meer von Figuren hindurchtreten lassen kann. Keine der ausgestellten Arbeiten kommt alleine und ausschnitthaft daher, sondern lässt den Besucher vielmehr eintauchen in ihre Form, ihr Material, ihr ganzes Wesen.

Sollten Sie zu den (noch) Venedig-Unerfahrenen zählen, mein Rat: Lassen Sie sich von der Menge an Exponaten nicht einschüchtern. Gehen Sie mit Neugier und einer guten Portion Offenheit an die Kunst ran. Widmen Sie sich denjenigen Werken, die automatisch Ihre Aufmerksamkeit auf sich ziehen, aus welchen Gründen auch immer… sei es die Form, das Material, die Farbe, Art der Präsentation, die Bewegung oder die Klänge, die von der Arbeit ausgehen. Beobachten Sie, was Sie fasziniert, welche Assoziationen die Arbeit bei Ihnen auslöst. Das Schöne ist: Bei der Wahrnehmung von Kunst gibt es kein Richtig oder Falsch. Im Gegenteil. Künstlern ist sehr daran gelegen, dass ihre Arbeiten auf unterschiedlichen Ebenen wahrgenommen werden, zu Assoziationen anregen, jenseits des zugrundeliegenden Konzepts.

Prägen Sie sich die Namen der jeweiligen Künstler ein oder notieren Sie sie. Oder kreuzen Sie sich die Namen in Ihrem Faltplan an. Oder machen Sie mit Ihrem Handy Schnappschüsse von den Arbeiten und den zugehörigen (sehr informativen) Beschriftungen an den Wänden. Ich verspreche Ihnen, Sie werden Ihren Favoriten wiederbegegnen. In Ausstellungen, in der Presse, egal wo. Und dann werden Sie sich der eindrücklichen Bilder erinnern, die wie automatisch aus Ihrem Gedächtnis emporschießen. (Sehr empfehlenswert auch der Kurzführer zur Ausstellung, der im handlichen Format auf knapp 300 Seiten die einzelnen Künstler und Ihre Arbeiten vorstellt. Dieser kann zu einem Preis von etwa EUR 15 im Bookshop des zentralen Ausstellungspavillons in den Giardini erworben werden.)

Und noch ein letzter Tipp: Am Ausgang der Giardini befindet sich zur Wasserseite hin eine Bar namens Paradiso. Nehmen Sie dort auf der Terrasse Platz, wenn das Biennale-Gelände um 18 Uhr seine Tore schließt. Bestellen Sie sich einen der wunderbaren venezianischen Cocktails. Was gibt es schon Schöneres, als nach getaner Arbeit einfach nur auf das in der untergehenden Sonne erstrahlende Meer zu schauen und auf die Kunst und das Leben anzustoßen?