the place to go.

Erinnern Sie sich noch an die Welt geheimnisumwitterter Orte, die sich uns nach der Wende in Berlin öffnete? 

Legendäre Clubnächte im E-Werk und im Tresor des ehemaligen Kaufhauses auf der Leipziger Straße… Parties und Ausstellungen im entkernten Palast der Republik, im ehemaligen Postfuhramt oder Kaufhaus Wertheim auf der Oranienburger Straße. Die Liste ließe sich endlos weiterführen. Wir waren jung und euphorisiert durch politische Veränderungen und die Möglichkeit, eine neue Welt zu erobern. Pioniergeister wie Dimitri Hegemann hatten die Gunst der Stunde erkannt…

Manche dieser Orte, mit denen wir so viele Erinnerungen verknüpfen, existieren heute nicht mehr. Entweder gar nicht, weil dem Abriss zum Opfer gefallen, oder sie sind umgebaut, weiß getüncht und zweckverändert. Was letzere Kategorie betrifft, dürfen wir ohne jeden Zweifel dankbar sein, dass Privatunternehmer wie der Wuppertaler Sammler Christian Boros den ehemaligen Reichsbahnbunker unweit der Friedrichstraße übernommen hat und uns mit einer eleganten und dabei konservatorisch bewussten Umgestaltung als Ort der Begegnung mit zeitgenössischer Kunst dauerhaft zugänglich gemacht hat.

Dennoch, spätestens nachdem Tacheles und C/O Berlin vor nicht zu langer Zeit aus den legendären Gebäuden auf der Oranienburger Straße ausgezogen sind, ertappt man sich hin und wieder selbst bei der sehnsuchtsvollen Erinnerung an jene verwunschenen Plätze mit derartigen Imaginationspotential…

Es scheint, als ob die Entdeckung solcher Orte unwiederbringlich der Vergangenheit angehört. Die Quelle ist endgültig versiegt. Ist sie das wirklich? Nein, tatsächlich (noch) nicht!

Im Vorfeld der Berlin Art Week 2013 haben sich im Hinterhof der Gartenstraße 6 in Berlin-Mitte für knapp 10 Tage bis zum 21. September die Tore zu einem echten Secret Place geöffnet. Oft schon hatte ich einen Blick in den Hof geworfen und mich gefragt, was sich wohl hinter den dicken Mauern und verbarrikadierten Fenstern verbirgt. Das Geheimnis ist gelüftet: Ein verwunschener Ort, der für kurze Zeit aus seinem Dornröschenschlaf geküsst ist.

Auf insgesamt 3 Etagen beherbergt das Gebäude eine Ausstellung mit dem Titel MAXIMUM SELF. PART 2, und damit eine Vielzahl interessanter Arbeiten verschiedener zeitgenössischer Künstler wie u.a. Sun Yuang & Peng Yu, Angela Winkler, John Bock, Andy Hope 1930. Betritt man das Erdgeschoss, scheint es, als ob man sich in den Ruinen eines ehemaligen Industriegebäudes befindet. Unverputzte Wände, an denen u.a. eine Neon-Arbeit von Saadane Afif zu sehen ist; ein unebener Betonboden zu den Füßen des Besuchers, auf dem er zwischen skulpturalen Arbeiten von Peter Stauss, Sun Yuan & Peng Yu oder Arturo Herrera durch den Raum schreitet. Links in der Ecke des Raums ein hoher Schacht, beleuchtet vom Tageslicht und einem Video von Martin Arnold, dessen Bilder sich in einer Wasserlache auf dem Boden spiegeln. Im Treppenhaus nach oben die Reste von Stuckaturen, die unmissverständlich darauf hindeuten, dass es sich wohl doch nicht um ein ehemals industrielles Gebäude handelt.

Spätestens im 2. OG offenbart sich dem Besucher dann die ursprüngliche Funktion dieses Ortes: Ein gigantisch hoher Theatersaal, von dessen ehemaliger Pracht ein bogenförmiger Bühnenrahmen zur Linken und eine gegenüberliegende Empore zeugen. Über den Raum verteilt, in überzeugend durchdachter Anordnung, verschiedene installative Arbeiten und Video-Projektionen von Künstlern wie u.a. John Bock, Heiner Franzen oder Saadane Afif.

Tatsächlich handelt es sich bei diesem Ort um ein im Jahre 1905 nach Plänen von Oscar Garbe errichtetes Gebäude, welches in den 20ern als Varieté-Theater genutzt wurde und nach seiner Schließung 1933 in einen 80 Jahre währenden Schlaf versank. Fast scheint es, als ob man noch die Klänge der Musik, das Gemurmel der Besucher vernehmen kann, die ehemals in dem imposanten, kerzenerleuchteten Räumen den Darbietungen verfolgten…

Zugänglich gemacht wurde uns dieser Ort durch eine Initiative von Matthias Held, der sich in den letzten Jahren mit diversen Ausstellungen an außergewöhnlichen Orten einen Namen gemacht hat, zuletzt mit MAXIMUM SELF. PART 1 in einem zwischengenutzten Büroraum auf der Bülowstraße. Die in dieser Reihe ausgestellten Arbeiten der Künstler befassen sich mit Fragen der kulturellen Identität, die Held in Bezug zum jeweiligen Ausstellungsort in Dialog treten lässt. Auch das Gebäude in der Gartenstraße, welches  2008 von Dirk Moritz - Geschäftsführer der Immobilien-Projektentwicklung Moritz Gruppe GmbH - entdeckt und nach Klärung der Besitzverhältnisse schließlich erworben wurde, ist per se ein Ort, der die Frage nach Identität zwangsläufig aufkommen lässt.

Sicherlich ist man als Besucher ob der opulenten Eindrücke hin und hergerissen zwischen Kunst- und Architekturbetrachtung. Das Auge springt von Skulptur zu Empore, von Schacht zu Installation, von Video zu Wandbemalung. Im Vergleich dazu macht es die gängige, puristische White-Cube-Situation von Galerieräumen, wie sie uns unter anderem in der ehemals Jüdischen Mädchenschule in der Auguststraße entgegentritt, einfach, Sinn und Verstand ausschließlich auf die ausgestellte Kunst zu konzentrieren. Zugegebenermaßen stellt die Situation im Varieté eine Herausforderung dar. Aber, erfreulicherweise lädt der Ort wie kaum ein anderer zum Verweilen ein, zum Wandeln zwischen Welten, Raum und Zeit. Oben angekommen, möchte man den Parcours nochmals beschreiten, um immer noch neue, bislang ungesehene Details zu entdecken… an diesem abgeschiedenen Ort, jenseits der Großstadt-Hektik.

Instinktiv spürt man, dass man den Secret Garden, wie er von Moritz genannt wird, in dieser Form nie wieder betreten werden kann. Zu gerne möchte man hier und da sein Handy zücken, ein paar Fotos schießen, diesen atemberaubenden Ort für immer festhalten. Doch ist das Fotografieren im Innern des Gebäudes strengstens untersagt. Schade, denkt man sich im ersten Moment. Vielleicht besser so, im zweiten. Einsichtig erkennt man, dass man diesen Ort durch profane Fotos entzaubern, seiner Verwunschenheit enterben würde. Schöner ist es, dort zu verweilen, den Ort vor der Schnelllebigkeit der Facebook-Posts zu schützen und stattdessen die Bilder tief im eigenen Gedächtnis zu speichern.

Für mich persönlich ist dieser Ausstellungsort THE Place To Go - ungeachtet dessen, was die begonnene Berlin Art Week noch an Schätzen offenbaren wird.