creating space.

eine ausstellung von nicola graef & sylvia volz.

26. Januar 2017 - 26. Januar 2018. BMW Foundation Herbert Quandt, Berlin.
 

Markus Saile . Ohne Titel . 2015 . Öl auf Holz . 26 x 35cm . Courtesy Markus Saile .

Teilnehmende Künstler.
Anne Carnein . Thomas Fischer . Sid Gastl . Tino Geiss . Pauline Kraneis . Cyrill Lachauer . Levke Leiß . Ingo Mittelstaedt . Miwa Ogasawara . Markus Saile . Arne Schreiber . Hans-Christian Schink . Linn Schröder . John von Bergen .
 


entspannen inmitten des kunstmarathons. ein rückblick auf die berlin art week 2016.

Chiharu Shiota . Uncertain Journey . Installation View Blain/Southern, Berlin . Courtesy Chiharu Shiota und Blain/Southern 

Berlin, die nimmerschlafende Kunstmetropole. Überall sprießen neue Ausstellungsorte aus dem Boden, die in einer Endlosschleife eine Show nach der anderen präsentieren. Das kreative Potential der Stadt scheint unerschöpflich. Darüber hinaus gibt es 2 übergreifende Termine pro Jahr, zu denen die Kunst in Berlin einen noch größeren Raum einnimmt als sonst und die Sammler von nah und fern einströmen: das Gallery Weekend im Frühjahr und die Berlin Art Week im Herbst. Jeweils an mehreren aufeinander folgenden Tagen öffnen sämtliche Galerien ihre Pforten, über die üblichen Geschäftszeiten hinaus, ebenso wie verschiedene Sonderausstellungsbereiche. Dazu ein umfangreiches Begleitprogramm an den coolsten Locations, ob Künstlerateliers, Clubs, Industrieruinen oder ähnliche. Es wird groß aufgefahren, denn man kann mit großem Interesse rechnen. Kein Wunder, dass die angesagtesten Restaurants, Hotels und Bars bereits lange vorher ausgebucht sind.

Hört sich nach Stress an. Ist es auch. Aber wenn man einmal dabei war, will man sich dem jedes Jahr erneut hingeben. Die Frage ist nur: Wie die eigene Kapitulation verhindern und das Spektakel dennoch in vollen Zügen genießen? Mein Rat: Setzen Sie sich ein paar feste Termine und vertrauen ansonsten Ihrem Instinkt.

Jedes Jahr flattern die Eventankündigungen und -Einladungen in den Posteingang, deren Koordination selbst für "alte Kunst-Hasen" wie mich immer wieder eine Herausforderung darstellt. Man müsste sich mindestens dreiteilen können, um wirklich alles gesichtet zu haben. Nicht nur die Kunst, sondern auch die vielen Menschen, auf die man trifft und mit denen man gerne plaudern möchte: Galeristen, Künstler, Kuratoren, Museumsleute, Sammler, Freunde.

Auch bei der diesjährigen Berlin Art Week (13.-18. September) gab es wieder eine Menge spektakulärer Ausstellungen zu sehen. Beobachtet man sich selbst und andere Besucher beim Konsumverhalten, so lassen sich unter ihnen verschiedene Typen erkennen. Beispielsweise setzen sich manche unter ihnen tatsächlich das hehre Ziel, alles (wirklich alles) bis zum Sonntagabend gesehen zu haben. Sie haben einen genauestens ausgearbeiteten Plan, von dem sie im Laufe des Tages/Abends maximal 10 Minuten abweichen werden. Haben sie die Galerie betreten, sind sie eigentlich auch schon wieder weg. Es wird kurz hindurchgegangen, das ausgestellte Material gescannt, das Wesentliche abgespeichert. Im Vorbeigehen noch ein knapper Plausch mit den Galeriemitarbeitern und sonstigen Besuchern. Erweckt eines der ausgestellten Kunstwerke den Wunsch es zu besitzen, wird auch das in einer verhältnismäßigen Windeseile klar gemacht.

Daneben gibt es unter anderen die analytischen Genießer, die wesentlich weniger Punkte auf ihrer Liste stehen haben und sich gezielt Schwerpunkte setzen. Es werden nur bestimmte Galerien und Veranstaltungen angesteuert, die mit dem eigenen Interesse in Einklang stehen. Sie verweilen mindestens doppelt so lange wie Obige, und hat sie tatsächlich etwas in den Bann gezogen – ob Mensch oder Kunstwerk – scheinen sie alles andere um sich herum zu vergessen.

Welche Vorgehensweise ist empfehlenswert? Die Antwort ist simpel: Jeder nach seiner Façon!

Ob man das ganze sportlich, gemächlich oder wie auch immer angeht, es liegt im eigenen Ermessen. Wichtig ist lediglich, sich Eckpunkte zu setzen. Die weitere Planung ergibt sich dann ganz von selbst. Mit Eckpunkten meine ich in erster Linie Veranstaltungen, die nur zu einem bestimmten Termin stattfinden und die man keinesfalls missen möchte. Dies könnte ein Künstlertalk sein, eine Performance in einer Galerie, ein Dinner o.ä. Dazwischen setzt sich der Sportliche eine möglichst große Anzahl an diversen Eröffnungen, möglichst im Einklang mit den geographischen Gegebenheiten der jeweiligen Fixpunkte. Die Galerienwelt ist zwar mittlerweile weit über die Stadt verstreut, dennoch kommt eine Galerie selten alleine daher. Meistens sind sie in diversen Vierteln zu mehreren angesiedelt. Geht man aus einer heraus, stolpert man fast schon wieder in die nächste hinein. Das erleichtert das „Abarbeiten“ des umfangreichen Programms erheblich.

Dennoch muss man es mögen, pausenlos zwischen den Galerien hin- und her zu hoppen. Sofern Sie sich eher zur zweiten Spezies zählen und sich den Orten und Exponaten intensiver widmen möchten, profitieren auch Sie von dieser geographischen Disposition dieser Galerienviertel. Suchen Sie sich eines aus und lassen sich einfach treiben. Ohne Hektik von einer zur anderen Galerie und jeweils so lange dort verweilen, wie es einem beliebt.

Die Kunst hält viele Überraschungen bereit und macht es für uns oft unvorhersehbar, wie stark sie uns in ihren Bann zieht. Tut sie es in hohem Maße, wäre es nicht schade, sich ihr allzu schnell wieder zu entziehen?

Und auch wenn Sie es somit nicht schaffen werden, alles an einem Wochenende zu sehen, verschieben Sie die weiteren Galeriebesuche einfach auf die darauffolgende Woche. Sie werden exakt dieselben Ausstellungen vorfinden und dabei aber manch einen Blickwinkel auf die Kunst erhaschen können, der den anderen ein paar Tage zuvor buchstäblich verstellt worden war.

empfehlung. sommerausstellungen 2016.

XXII. Rohkunstbau . Installationsansicht . Arbeiten von Arne Schreiber . Courtesy Arne Schreiber und Galerie koal/Berlin .

XXII. ROHKUNSTBAU
Kuratiert von Mark Gisbourne
Schloss Roskow
Bis 18. September 2016

 


Haus am Waldsee, Chinese Whispers. Installationsansicht.

 

Chinese Whispers. Ingo Mittelstaedt mit der Sammlung Peter Raue.
Haus am Waldsee, Berlin
Bis 28. August 2016

paperworlds. kinder- und jugendzeichnungen zeitgenössischer künstler im buchheim museum am starnberger see.

KURATIERT VON VALESKA HAGENEY & SYLVIA VOLZ.

05. Juli - 18. Oktober 2015. Buchheim Museum, Bernried.

Teilnehmende Künstler.
Norbert Bisky . John Bock . Laura Bruce . Robert Elfgen . Axel Geis . Thomas Helbig . Uwe Henneken . Olaf Holzapfel . Andy Hope 1930 . Michael Kunze . Via Lewandowsky . Jonathan Meese . Tal R . Michael Sailstorfer . Yehudit Sasportas . Katja Strunz . Ralf Ziervogel . Thomas Zipp.

die kunstbiennale in venedig. der ultimative allrounder für experten und (!) einsteiger.

Der (Kunst)Herbst ist da! Künstler, Galerien und Sammler rüsten sich für die bevorstehenden Messen, ob die Viennartfair in Wien, die Frieze in London oder die FIAC in Paris.

Kunstmessen machen Spaß. Sie sind lebhaft, bunt und es gibt vieles zu entdecken. Denn im Vergleich zu Einzelausstellungen haben Messen einen entscheidenden Vorteil: Viele Künstler und Galerien, komprimiert auf einen Fleck. Die ganze internationale Kunstwelt an einem einzigen Ort versammelt.

Dennoch: So spannend und umfangreich Messen auch sind, so verwirrend können sie wiederum für diejenigen sein, die sich noch nicht so "materialsicher" in der Kunstwelt bewegen. Zu eng, zu dicht gedrängt die Messestände, in denen eine Vielzahl an Arbeiten sich gegenseitg und notgedrungenermaßen auf der Pelle hängen. Auch für mich – trotz mehrerer Jahre „Marktangehörigkeit“ - stellt es immer wieder eine Herausforderung dar, das einzelne Werk auf mich wirken zu lassen, das ganze Drumherum auszublenden und sich nur auf das eine zu konzentrieren.

Schwierig also, sich einen Überblick zu verschaffen und gleichzeitig in Einzelpositionen abzutauchen.

Denn das ist ja das erklärte Ziel des Kunstinteressierten: sich umfassend zu informieren, sich dann aber wiederum von seinen ganz persönlichen Favoriten faszinieren und inspirieren zu lassen.

Erfreulicherweise gibt es ein Kunstspektakel, welches beides ermöglicht, und das für ein vielfältiges Publikum vom Einsteiger bis hin zum Experten: die Kunstbiennale in Venedig, die Künstlern und Besuchern aus aller Welt alle zwei Jahre ihre Tore öffnet und in ihrer Vielfalt nahezu einzigartig ist.

Auch diesmal habe ich mich wieder auf den Weg dorthin gemacht. Nicht zur Eröffnung Anfang Juni, sondern zum Herbstbeginn… bewusst dann, wenn die warmen Sonnenstrahlen über der norditalienischen Märchenstadt die rapide sinkenden Temperaturen zu Hause vergessen machen und die Biennale-Besucher sich nicht mehr gegenseitig die Sicht auf die Exponate verstellen.

Reisen zu solchen Kunst-Happenings mache ich am liebsten in Begleitung meiner persönlichen „Kunstreisegruppe“, bestehend aus einem Künstler, einem weiteren Kunsthistoriker sowie einem jungen Sammler. Diese Kombination aus – sagen wir - Kunstschaffendem, Kunsttheoretiker und „fachfremdem“ Kunstfreund hat sich bislang überaus bewährt. Jeder betrachtet mit seinen eigenen Augen, im eigenen Rhythmus, mit eigenen Schwerpunkten. Das, was dann im gemeinsamen Austausch geschieht, erweist sich als äußerst fruchtbar: Jeder von uns profitiert von der Sichtweise des anderen. In all den Jahren kann ich mich nicht an ein einziges Gespräch mit einem Künstler erinnern, welches mich nicht inspiriert bzw. meine Denk- und Sichtweise erweitert hat, und sei es nur um kleine Details. Ebenso profitiere ich vom Austausch mit jeglicher Art von Kunstinteressierten, vom passionierten Kunstsammler bis hin zum interessierten „Newcomer“, dessen freie und unvoreingenommene Sichtweise oftmals eine spannende neue Perspektive ins Spiel bringt. Kurz gesagt: Ich liebe diesen bunten Austausch.

Die Zahl der künstlerischen Positionen wird erweitert durch die separaten Pavillons, den ein (oder zuweilen mehrere) Künstler auf Einladung des jeweiligen Landes bespielen dürfen. Die Präsentationen könnten unterschiedlicher nicht sein. Sie sind zuweilen subtil, gewaltig, sphärisch-filigran, robust und nicht nur sichtbar, sondern manchmal auch hörbar. Zweifellos ist Venedig ein Ort, an dem sich die Globalität von Kunst höchst eindrücklich mitteilt. Dazu passend, wie könnte es anders sein, die Mannigfaltigkeit der Besucher aus aller Welt, die sich von Ort zu Ort bewegen, von Raum zu Raum, von Künstler zu Künstler und wieder zurück… Hier wird deutlich: Welten prallen aufeinander und inspirieren sich gegenseitig, und genau das macht die Biennale zu einem Erlebnis der besonderen Art.

Sie fragen sich, wie ein solch umfassendes Programm auch für weniger Kunsterfahrene geeignet sein kann? Das kann es, in der Tat!

Fast nirgendwo sonst kann man sich so wunderbar treiben lassen wie in Venedig. Zwar ist das Material sehr umfangreich, aber dafür sehr einprägsam, da den Werken jede Menge Raum gegeben wird. Es gibt nichts Gedrängtes, die Kunst kann atmen und sich entfalten, v.a. wenn einzelne Künstler einen ganzen Pavillon erobern dürfen. Oder wenn der polnische Künstler Paweł Althamer dem Besucher des Arsenale nicht nur 2 oder 3 lebensgroße Venezianer entgegensetzt, sondern ihn gleich durch ein ganzes Meer von Figuren hindurchtreten lassen kann. Keine der ausgestellten Arbeiten kommt alleine und ausschnitthaft daher, sondern lässt den Besucher vielmehr eintauchen in ihre Form, ihr Material, ihr ganzes Wesen.

Sollten Sie zu den (noch) Venedig-Unerfahrenen zählen, mein Rat: Lassen Sie sich von der Menge an Exponaten nicht einschüchtern. Gehen Sie mit Neugier und einer guten Portion Offenheit an die Kunst ran. Widmen Sie sich denjenigen Werken, die automatisch Ihre Aufmerksamkeit auf sich ziehen, aus welchen Gründen auch immer… sei es die Form, das Material, die Farbe, Art der Präsentation, die Bewegung oder die Klänge, die von der Arbeit ausgehen. Beobachten Sie, was Sie fasziniert, welche Assoziationen die Arbeit bei Ihnen auslöst. Das Schöne ist: Bei der Wahrnehmung von Kunst gibt es kein Richtig oder Falsch. Im Gegenteil. Künstlern ist sehr daran gelegen, dass ihre Arbeiten auf unterschiedlichen Ebenen wahrgenommen werden, zu Assoziationen anregen, jenseits des zugrundeliegenden Konzepts.

Prägen Sie sich die Namen der jeweiligen Künstler ein oder notieren Sie sie. Oder kreuzen Sie sich die Namen in Ihrem Faltplan an. Oder machen Sie mit Ihrem Handy Schnappschüsse von den Arbeiten und den zugehörigen (sehr informativen) Beschriftungen an den Wänden. Ich verspreche Ihnen, Sie werden Ihren Favoriten wiederbegegnen. In Ausstellungen, in der Presse, egal wo. Und dann werden Sie sich der eindrücklichen Bilder erinnern, die wie automatisch aus Ihrem Gedächtnis emporschießen. (Sehr empfehlenswert auch der Kurzführer zur Ausstellung, der im handlichen Format auf knapp 300 Seiten die einzelnen Künstler und Ihre Arbeiten vorstellt. Dieser kann zu einem Preis von etwa EUR 15 im Bookshop des zentralen Ausstellungspavillons in den Giardini erworben werden.)

Und noch ein letzter Tipp: Am Ausgang der Giardini befindet sich zur Wasserseite hin eine Bar namens Paradiso. Nehmen Sie dort auf der Terrasse Platz, wenn das Biennale-Gelände um 18 Uhr seine Tore schließt. Bestellen Sie sich einen der wunderbaren venezianischen Cocktails. Was gibt es schon Schöneres, als nach getaner Arbeit einfach nur auf das in der untergehenden Sonne erstrahlende Meer zu schauen und auf die Kunst und das Leben anzustoßen?

 

the place to go.

Erinnern Sie sich noch an die Welt geheimnisumwitterter Orte, die sich uns nach der Wende in Berlin öffnete? 

Legendäre Clubnächte im E-Werk und im Tresor des ehemaligen Kaufhauses auf der Leipziger Straße… Parties und Ausstellungen im entkernten Palast der Republik, im ehemaligen Postfuhramt oder Kaufhaus Wertheim auf der Oranienburger Straße. Die Liste ließe sich endlos weiterführen. Wir waren jung und euphorisiert durch politische Veränderungen und die Möglichkeit, eine neue Welt zu erobern. Pioniergeister wie Dimitri Hegemann hatten die Gunst der Stunde erkannt…

Manche dieser Orte, mit denen wir so viele Erinnerungen verknüpfen, existieren heute nicht mehr. Entweder gar nicht, weil dem Abriss zum Opfer gefallen, oder sie sind umgebaut, weiß getüncht und zweckverändert. Was letzere Kategorie betrifft, dürfen wir ohne jeden Zweifel dankbar sein, dass Privatunternehmer wie der Wuppertaler Sammler Christian Boros den ehemaligen Reichsbahnbunker unweit der Friedrichstraße übernommen hat und uns mit einer eleganten und dabei konservatorisch bewussten Umgestaltung als Ort der Begegnung mit zeitgenössischer Kunst dauerhaft zugänglich gemacht hat.

Dennoch, spätestens nachdem Tacheles und C/O Berlin vor nicht zu langer Zeit aus den legendären Gebäuden auf der Oranienburger Straße ausgezogen sind, ertappt man sich hin und wieder selbst bei der sehnsuchtsvollen Erinnerung an jene verwunschenen Plätze mit derartigen Imaginationspotential…

Es scheint, als ob die Entdeckung solcher Orte unwiederbringlich der Vergangenheit angehört. Die Quelle ist endgültig versiegt. Ist sie das wirklich? Nein, tatsächlich (noch) nicht!

Im Vorfeld der Berlin Art Week 2013 haben sich im Hinterhof der Gartenstraße 6 in Berlin-Mitte für knapp 10 Tage bis zum 21. September die Tore zu einem echten Secret Place geöffnet. Oft schon hatte ich einen Blick in den Hof geworfen und mich gefragt, was sich wohl hinter den dicken Mauern und verbarrikadierten Fenstern verbirgt. Das Geheimnis ist gelüftet: Ein verwunschener Ort, der für kurze Zeit aus seinem Dornröschenschlaf geküsst ist.

Auf insgesamt 3 Etagen beherbergt das Gebäude eine Ausstellung mit dem Titel MAXIMUM SELF. PART 2, und damit eine Vielzahl interessanter Arbeiten verschiedener zeitgenössischer Künstler wie u.a. Sun Yuang & Peng Yu, Angela Winkler, John Bock, Andy Hope 1930. Betritt man das Erdgeschoss, scheint es, als ob man sich in den Ruinen eines ehemaligen Industriegebäudes befindet. Unverputzte Wände, an denen u.a. eine Neon-Arbeit von Saadane Afif zu sehen ist; ein unebener Betonboden zu den Füßen des Besuchers, auf dem er zwischen skulpturalen Arbeiten von Peter Stauss, Sun Yuan & Peng Yu oder Arturo Herrera durch den Raum schreitet. Links in der Ecke des Raums ein hoher Schacht, beleuchtet vom Tageslicht und einem Video von Martin Arnold, dessen Bilder sich in einer Wasserlache auf dem Boden spiegeln. Im Treppenhaus nach oben die Reste von Stuckaturen, die unmissverständlich darauf hindeuten, dass es sich wohl doch nicht um ein ehemals industrielles Gebäude handelt.

Spätestens im 2. OG offenbart sich dem Besucher dann die ursprüngliche Funktion dieses Ortes: Ein gigantisch hoher Theatersaal, von dessen ehemaliger Pracht ein bogenförmiger Bühnenrahmen zur Linken und eine gegenüberliegende Empore zeugen. Über den Raum verteilt, in überzeugend durchdachter Anordnung, verschiedene installative Arbeiten und Video-Projektionen von Künstlern wie u.a. John Bock, Heiner Franzen oder Saadane Afif.

Tatsächlich handelt es sich bei diesem Ort um ein im Jahre 1905 nach Plänen von Oscar Garbe errichtetes Gebäude, welches in den 20ern als Varieté-Theater genutzt wurde und nach seiner Schließung 1933 in einen 80 Jahre währenden Schlaf versank. Fast scheint es, als ob man noch die Klänge der Musik, das Gemurmel der Besucher vernehmen kann, die ehemals in dem imposanten, kerzenerleuchteten Räumen den Darbietungen verfolgten…

Zugänglich gemacht wurde uns dieser Ort durch eine Initiative von Matthias Held, der sich in den letzten Jahren mit diversen Ausstellungen an außergewöhnlichen Orten einen Namen gemacht hat, zuletzt mit MAXIMUM SELF. PART 1 in einem zwischengenutzten Büroraum auf der Bülowstraße. Die in dieser Reihe ausgestellten Arbeiten der Künstler befassen sich mit Fragen der kulturellen Identität, die Held in Bezug zum jeweiligen Ausstellungsort in Dialog treten lässt. Auch das Gebäude in der Gartenstraße, welches  2008 von Dirk Moritz - Geschäftsführer der Immobilien-Projektentwicklung Moritz Gruppe GmbH - entdeckt und nach Klärung der Besitzverhältnisse schließlich erworben wurde, ist per se ein Ort, der die Frage nach Identität zwangsläufig aufkommen lässt.

Sicherlich ist man als Besucher ob der opulenten Eindrücke hin und hergerissen zwischen Kunst- und Architekturbetrachtung. Das Auge springt von Skulptur zu Empore, von Schacht zu Installation, von Video zu Wandbemalung. Im Vergleich dazu macht es die gängige, puristische White-Cube-Situation von Galerieräumen, wie sie uns unter anderem in der ehemals Jüdischen Mädchenschule in der Auguststraße entgegentritt, einfach, Sinn und Verstand ausschließlich auf die ausgestellte Kunst zu konzentrieren. Zugegebenermaßen stellt die Situation im Varieté eine Herausforderung dar. Aber, erfreulicherweise lädt der Ort wie kaum ein anderer zum Verweilen ein, zum Wandeln zwischen Welten, Raum und Zeit. Oben angekommen, möchte man den Parcours nochmals beschreiten, um immer noch neue, bislang ungesehene Details zu entdecken… an diesem abgeschiedenen Ort, jenseits der Großstadt-Hektik.

Instinktiv spürt man, dass man den Secret Garden, wie er von Moritz genannt wird, in dieser Form nie wieder betreten werden kann. Zu gerne möchte man hier und da sein Handy zücken, ein paar Fotos schießen, diesen atemberaubenden Ort für immer festhalten. Doch ist das Fotografieren im Innern des Gebäudes strengstens untersagt. Schade, denkt man sich im ersten Moment. Vielleicht besser so, im zweiten. Einsichtig erkennt man, dass man diesen Ort durch profane Fotos entzaubern, seiner Verwunschenheit enterben würde. Schöner ist es, dort zu verweilen, den Ort vor der Schnelllebigkeit der Facebook-Posts zu schützen und stattdessen die Bilder tief im eigenen Gedächtnis zu speichern.

Für mich persönlich ist dieser Ausstellungsort THE Place To Go - ungeachtet dessen, was die begonnene Berlin Art Week noch an Schätzen offenbaren wird.